Teil 4
Hartmut Fetzer, zuletzt Vorstand der Ferrari electronic AG, ist zum 31. Dezember 2011 nach achtzehn Jahren aus dem Tagesgeschäft des Unternehmens ausgeschieden. Zuvor war er unter anderem bei Nixdorf auf Vorstandsebene tätig. In einem Gespräch mit Michael Kausch spricht er über seinen Weg von der Starkstromtechnik zu Unified Communications, seine Entwicklung vom Wissenschaftler zum mittelständischen Unternehmer und über Produktstrategien in großen und kleinen Unternehmen.
Im vierten von fünf Teilen erzählt Hartmut Fetzer, wie Ferrari electronic immer wieder Marktnischen findet, warum die Firma mit ihrer mittelständischen Größe zufrieden ist und dennoch heute als AG firmiert. (Hier sind Teil 1, Teil 2 und Teil 3 des Interviews verfügbar.)

Frisbee-Spiel mit CDs – Hartmut Fetzer auf dem Ferrari electronic Sommerfest im Jahr 2000
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Was war ihre Vision – Wo wollten Sie mit Ferrari electronic hin?
Ach, ich habe mich da immer an den abgedroschenen Spruch von Helmut Schmidt gehalten: “Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen”. Wir sind bei Ferrari electronic alle sehr technisch orientiert und wollen diese Kenntnisse erfolgreich weiter entwickeln und unsere Ideen vermarkten. So haben wir zum Beispiel in den frühen Neunzigern die erste ISDN-Faxkarte auf den Markt gebracht mit der Möglichkeit, Faxe automatisch zu verteilen. Wir wollen einfach gute Produkte gut vermarkten. Wir sind da konservativ, keiner von uns Anteilseignern erwartet ein gigantisches Wachstum und ständigen Mitarbeiterzuwachs. Darum geht es einfach nicht.
Warum hat Ferrari electronic angesichts des internationalen Konkurrenzdrucks überlebt?
Das mit dem stetig steigenden internationalen Konkurrenzdruck ist eine Chimäre. Das hört man auf jeder Tagung, ist aber eine reine Worthülse. Konkurrenz gibt es immer, national oder international, mal mehr oder weniger. Aber er nimmt nicht stetig zu. Klar trifft man manchmal falsche Entscheidungen und wird dafür bestraft.
Gab es denn internationale Konkurrenz?
Unsere Themen waren nie groß genug, um ganz große Firmen oder ganz viel Geld anzulocken. Die Gefahr besteht ja darin, dass einer alles aufkauft oder durch seine Preispolitik den Markt kaputt macht. Mit den Themen, mit denen wir uns beschäftigen, kann man aber kein Microsoft, Google, Compaq oder Facebook werden. Man kann vielleicht fragen: ” Warum ist aus Ferrari electronic keine Cisco geworden?” Die Antwort ist: Keiner der Beteiligten wollte das. Und keiner hätte damals die Management-Fähigkeiten gehabt, das zu stemmen.
Das ist eine unheimlich offene Antwort!
Ja, aber sie ist wahr. Ulrich Dziergwa hat sich selbstständig gemacht, weil er sich in einer großen Firma nicht mehr wohl gefühlt hat. Johann Deutinger ist Entwickler aus Leidenschaft. Für ihn ist es auch heute noch das Größte, sich selbst in seine Programme zu vertiefen.
Dürfen wir Sie ungestraft einen “Mittelständler aus Leidenschaft” nennen?
Ja. (Denkt nach) Wobei wir in Brandenburg bereits als Großindustrie gelten. Hier gibt es ja nicht viel. Eine Konsequenz ist, dass bei uns alle drei Jahre die Steuerprüfung kommt und sich die Bücher der letzten drei Jahre vornimmt.
Warum haben Sie 1997 Ferrari electronic in eine AG umgewandelt?
Das hatte vor allem zwei Gründe: Erstens die Fungibilität des Kapitals. Vorher war im Gesellschafter-Vertrag vorgeschrieben, dass jeder Gesellschafter in der Geschäftsführung tätig sein muss. Diese Dinge wollten wir trennen. Der zweite Grund – und da war ich etwas blauäugig – war, dass wir neue Formen der Mitarbeiterbeteiligung einführen wollten. Aber da hat uns die deutsche Steuergesetzgebung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das ist unmöglich, außer, sie geben Optionen aus, die dann beim Going Public einlösbar sind. Für ein Going Public gab es aber nie Pläne. Wir wollten nie die Mechanismen einer öffentlich gehandelten Firma in unser Unternehmen lassen. Wir können Ihnen alle Lieder davon singen, wo Zahlen dann auf die verschiedensten Weisen geschönt werden, um in bestimmte Raster, Vorgaben und Erwartungen zu passen.
Im Vorfeld meines Ausstiegs aus dem Tagesgeschäft bei Ferrari electronic habe ich nochmals unseren Steuerberater gefragt, ob ich meine Anteile den Mitarbeitern schenken kann. Ich bin glücklicherweise so gestellt, dass ich für mein Alter vorgesorgt habe. Er prophezeite, dass ich damit so ziemlich jeden Mitarbeiter in die Privatinsolvenz schicken würde. Es handelt sich dabei steuerrechtlich um einen immateriellen Wert, den das Finanzamt nach irgendeiner Formel berechnet und der zu versteuern ist. Man kann noch so altruistisch sein, man darf gar nicht.
Sie könnten ja alle Mitarbeiter adoptieren?
(Lacht) Mein Sohn hätte wahrscheinlich nichts dagegen.
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Lesen Sie am Mittwoch, den 25.01., im letzten Teil des Interviews, was sich beim Unternehmenssitz in Teltow jetzt ändert, warum das Geschäft mit Faxservern wächst und warum ältere Technologien Marktnischen werden.
(Michael Kausch ist Gründer und CEO der PR-Agentur vibrio.)
